#38

Mein Name ist Jens Müller. Ich hatte bereits erwähnt, dass ich diesen Namen nicht spektakulär finde. Dieses Gefühl zieht sich durch die Betrachtung meines ganzen Lebens fort. Insofern ist es vielleicht nicht das schlechteste, eines Morgens Roxy Ramirez beim Beischlaf, Pissen und Hausfriedensbruch zu überraschen und fortan einen treuen Begleiter zu haben. Wer wen begleitet, sei einmal dahingestellt.

Dennoch können mir soziale Kontakte nur gut tun. Seit meinen Studienzeiten, in denen diese schon recht spärlich gesät waren, hat sich mein Sozialleben zu einer nichtexistenten Worthülse entwickelt. Ich kehrte zurück ins elterliche Haus, dessen Freudlosigkeit durch meine Abwesenheit nicht beschädigt worden zu sein schien. Eine Beziehung zu den Eltern war unter den Vorzeichen immer schwierig. Der Kampf ums Überleben, wie sie sagten, hat sie vollends in ihren Bann gezogen. Ihre Versuche, mich da mit hineinzuziehen, mussten scheitern. Schließlich sollte ich es nach ihrem Bekunden einmal besser haben. Seltsam, dass sie sich dafür denselben Lebensweg ausgedacht hatten, den sie selbst dereinst eingeschlagen hatten. Nur jetzt ohne Gründergeist, Aufbruchstimmung und jugendlichem Optimismus. Dafür belastet mit Hypotheken, Investitionsstau und Pessimismus.

Dass ich mich zudem in eine völlig andere Richtung entwickelt hatte, schienen sie nicht wirklich ernst zu nehmen. Oder sie nahmen es garnicht wahr. Wie sie mich und meine Bedürfnisse wahrscheinlich nie wahrnahmen. Der Begriff Eltern reduzierte sich auf eine Funktion, die das Überleben des Nachwuchses zu sichern hatte. Darüber hinaus war die Elternschaft durch eine bemerkenswerte Fantasielosigkeit geprägt. Was kann man erwarten? Wenn es selbst um das eigene Überleben geht, ist es dann nicht verständlich, dass Freude und Liebe zunächst einmal hinten anstehen?

Du wirst es einmal besser haben. Wenn ich einmal groß bin. Vertröstung auf eine diffuse Zukunft, ein vages Versprechen auf die Erfüllung dessen, was so erstrebenswert erscheint, Wohlstand und Sicherheit. Wo noch nicht einmal das Leben im Kleinen gelingt, wenn nicht einmal engste Familienbeziehungen aufgebaut werden können, was soll in Zukunft gelingen? Warum nehmen die Menschen nicht das, was sie haben? Jetzt sind sie tot. Ich habe nichts und hatte mich damit eingerichtet. Vor diesem Hintergrund war das die erste Leistung. Bis Roxy Ramirez auftauchte.

#37

Auf Dr. Ohms Stirn erkenne ich klitzekleine Schweißperlen. Dazu treten seine Adern an den Schläfen leicht hervor. Dieser Mann ist erregt, ganz klar. Erregung ist zugegebenermaßen kein Zustand, der seinen Charakter hinreichend beschreiben könnte. Vielmehr ist es eine absolute Ausnahme und ich bin sicher, dass Dr. Ohm im Nachhinein untröstlich sein wird, die Kontenance verloren zu haben. Noch dazu gegenüber mir, einem Menschen, den er nicht kennt, dessen Position weit unter seiner eigenen angesiedelt ist und dem er solche Einblicke in sein Seelenleben nicht gestatten sollte. Eigentlich gestattet er die keinem. Zumindest wirkt er so.

Vielleicht hätte er es auch nicht dorthin geschafft, wo er nun ist, wenn Erregung zu seinen bevorzugten Gefühlszuständen gehörte. Erregung führt dazu, Dinge zu tun, die man nicht tun sollte, sich gehen zu lassen und ruckzuck Missverständnisse, Affairen, Konfrontationen und Feindschaften zu schaffen, die ein immer enger werdendes undurchdringbares Geflecht erschaffen, die einem die Luft nehmen, den Durchblick und einem das Leben gänzlich unmöglich machen können. Zerstörerische Kräfte, die einmal entfesselt kaum wieder eingefangen werden können, die immer weitere Kreise ziehen und gleich einer Kettenreaktion immer neue Stricke erschaffen, die sich eng um uns legen und letztlich zu Boden zwingen.

Nein, Dr. Ohm wäre nicht dort wo er ist, wenn Erregung sein Wegweiser wäre. Und ich habe ihn auch als tadellosen Menschen kennengelernt, der nicht einmal den Raum verlassen hat, als ich mich ankündigte, der geradezu wertschätzend und interessiert meine Tätigkeit verfolgt hat. Mit Geduld und vernünftiger Einsicht. Vernunft und Rechtschaffenheit, daran richtet Dr. Ohm sein tun und Handeln aus.

Trotzdem steht er nun vor mir, seine kleinen Schweißperlen direkt vor meinem Gesicht, seine beiden gepflegten Hände an meinem Kragen. Trotzdem wird das Geflecht um ihn immer undurchsichtiger, trotzdem legt sich ihm die Last auf den Körper und die Stricke werden enger. Keine Frage, geht es so weiter, wird die zertstörerische Kraft auch sein Leben gänzlich unmöglich machen, obwohl nichts darauf hindeutete, keine seiner Handlungen es verursacht hätten oder er mit Vernunft auch nur irgendeinen brauchbaren Ausweg fände. Die Krawatte sitzt, der Atem ist einwandfrei als er gepresst herausstößt: Sind Sie das?

#36

„Jens, Jens, Jensi. Du hast ein ernsthaftes Problem, fürchte ich.“ Es klingt bedrohlicher als es ist, nehme ich an, hoffe ich. „Du lebst in dieser Blase. Ist dir das mal aufgefallen?“ Es klingt bedrohlicher als es ist, definitiv.

Was folgt, wird der übliche belehrende Sermon eines Menschen sein, der sich selbst vollkommen gewiss ist und sich keinerlei Anfechtungen seiner Person ausgesetzt sieht und in seinen Grundfesten unerschütterlich steht. Meinungen und Überzeugungen leistet er sich nur, soweit er sie nicht verteidigen muss. Denn sonst käme er womöglich in die Verlegenheit, sie in Frage stellen oder revidieren zu müssen.

Zugegebenermaßen ist es ein nicht trivialer Prozess sich eine Meinung zu bilden. Das nicht triviale dabei ist es, die möglichst unabhängige Information zu bekommen, um sich tatsächlich eine Meinung bilden zu können. Also eine Meinung die auf Fakten oder eigenen Beaobachtungen beruht. Eine Meinung die abgewogen und ausgewogen ist. Wobei der Anspruch an Meinung eigentlich ein anderer ist. Abgewogen und ausgewogen auf Grund unabhängiger Information klingt nach einer objektiven Kategorie. Das aber ist Meinung eben gerade nicht. Die Vielfalt an Meinungen zu unterschiedlichen Themen ist geradezu unendlich. Man kann eine Meinung vertreten, die einer fakten basierten Argumentation nicht unbedingt stand hält.

Die Frage ist dann: Wie gehe ich damit um, wenn jemand nicht meine Meinung vertritt? Roxy Ramirez befördert das, was er für seine Meinung hält, mit einem Lächeln. Und wenn dies nicht verfängt, bleibt er verbindlich, diplomatisch, ohne dass dies allerdings etwas an seiner Meinung ändern würde. (Gegenüber Freunden. Es gibt andere Fälle, in denen er undiplomatischer ist, und sich anderer Methoden bedient. Das ist dann aber eher geschäftlicher Natur, sozusagen dienstlich.) Was also wirft er mir vor? Ich stehe zu dem, was ich denke und kämpfe dafür, wenn es notwendig ist.

„Falsch. Du bist ein Angsthase. Du stehst zu dem, was deine Blase dir zugesteht. Du lebst in deiner algorythmus-basierten Online-Welt und bekommst gefiltert das, was du und deinesgleichen gerne haben, wo sie sich wiederfinden, was sie vereint, was sie beschützt, gegen die böse Welt da draußen. Eine echte Wohlfühlblase.“

Mit seiner im Vorbeigehen aufgeschnappten und reduziert wiedergegebenen Generalkritik an virtuellen Kommunities und Macht der Algorythmen landet Roxy Ramirez einen schnellen Treffer. Was aber hat er vorzuweisen? Auch im realen Leben ist man eingebunden in eine Gemeinschaft, die das Denken und die Meinung beeinflusst. Das Problem ist nicht die Meinung. Das Problem ist eine feste Meinung. Meinung mag nicht objektiv sein. Aber Meinung muss zwingend veränderbar sein. Sonst ist es weniger Meinung als Starrsinn, Boshaftigkeit oder Ideologie.

Wenn es nur eine Meinung gäbe, die durch keine andere Meinung herausgefordert werden könnte, wäre es keine Meinung, sondern im besten Fall die Wahrheit. Im schlimmsten Fall Diktatur. Hierin liegt das Problem aller Diskussionen: Meinungen nicht gelten zu lassen. Andere Meinungen nicht zuzulassen. Nicht der falschen Meinungen zu sein ist das Problem. Der tatsächliche Irrweg ist es, andere Meinungen zu negieren. Verlockend und gefährlich wird es, weil dieser Irrweg natürlich weniger steinig ist, als die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen (noch dazu wenn man unterstellt, Algorythmen unterstützten diesen Weg). Ich bin mir dessen bewusst. Bei Roxy Ramirez bin ich mir dessen nicht so sicher. Aber sein Instinkt rettet ihn auch dieses Mal.

#35

Roxy Ramirez hat alles, was er sich wünscht. Besser gesagt, es ist on demand verfügbar. Er lebt in einer Welt, in der man auf nichts warten, geschweige denn verzichten muss. Und es ist alles verfügbar. Hat er Lust auf Pizza, lässt er sich Pizza kommen. Genauso verfährt er mit Sushi, Chicken Tikka, Falafel, Enchiladas und Burritos, Schrimps, Pancakes. Dazu sein Lieblingskalifornier, wobei er über die Jahre doch eher die original Franzosen bevorzugt, nicht dass er einen Unterschied schmecken würde. Von Südafrika lässt er die Finger, wobei er Thunfisch der dortigen Gewässer sehr zu schätzen weiß. Er liebt deutsches Bier, russischen Vodka und französischen Champagner. Der Ursprungsgedanke gefällt ihm. Alles von Originalschauplätzen. Warum auch immer. Tiefer damit auseinandergesetzt hat er sich noch nicht. Dennoch rümpft er die Nase über amerikanisches Bier oder chinesische Autos und kanadischen Sekt. Das ist ok, aber nicht echt.

Wieso erfahren? fragt er mich. Ist das wieder so ein Sprachding? Ich erkläre ihm das Sprachding, eigentlich bedarf es keiner Erklärung, wenn man kurz innehält und sich vergegenwärtigt, was dieses Wort bedeutet. Man erfährt etwas, weil man es erkundet, im wahrsten Sinne des Wortes erfährt. Die Champagnerkeller in Épernay, die wilden Küsten Südafrikas, die Weiten der russischen Tundra, die Landschaft der Toskana. Sich das „zu erfahren“ bedeutet eigene Erfahrungen zu machen, Begegnungen, riechen, schmecken, Stimmungen einfangen und so eine Beziehung zur Region, den Menschen und den Produkten aufbauen. Roxy Ramirez‘ Beziehungen zu Produkten hat er nicht selbst aufgebaut. Sie wurden für ihn hergestellt, von Werbestrategen, ins rechte Licht gerückt von Profis zu dem Zweck, in uns einen Wunsch zu erzeugen.

Und wo liegt nun das Problem fragt er mich? Du bist doch genauso ein Opfer oder stehst du eben nicht auf Champagner und echten kubanischen Rum? Da hat mich Roxy natürlich an meiner offenen Flanke erwischt. Ich kann das nicht verneinen. Diese Produkte sind gut, vielleicht die besten. Aber warum schätzen wir sie? Weil wir wirklich von der Qualität überzeugt sind? Oder weil sie teuer sind und wir damit protzen können? Oder auf Grund einer Lifestyle Erwartung?

Jetzt sag ich dir mal was: Nur weil du mit irgend einer alten an der Hand – was ich bei dir eher für unwahrscheinlich halte – bei Sonnenuntergang über die goldenen Hügel der Toskana durch einen Olivenhain gelaufen bist und dabei den Geruch von Sommer, Zypressen und Kräutern in der Nase hattest, wirst du dein Leben lang gepanschtes Toskanisches Olivenöl und billigen Sangiovese saufen. Und es wird das Tollste für dich sein. Und warum? Aus Gefühlsduselei und im Rückblick verklärter Romantik an einen Ort, an den du aus deiner trostlosen Welt geflohen bist.

Manchmal hasse ich ihn. Aber Hey, und da blitzt sein Lächeln wieder durch und beginnt mich zu umgarnen, jeder muss nach seiner Art glücklich sein. Ich stehe nun mal auf guten Wein, edle Fische und Flugorangen. So what. Das Zeug ist geil, und in mir erzeugt es ähnliche Gefühle wie du sie vor Augen hast, wenn du in deine imaginäre Bruscetta beißt, die im übrigen unmöglich besser sein kann als im „Royal Rodeo“. Keine Sorge, du bist selbstverständlich eingeladen.

#34

Krass! Roxy Ramirez erfährt etwas über das Leid anderer Menschen und es ist krass. Eine Sensation sozusagen. Nie dagewesen, kaum zu überbieten. In diesem Falle aber an Grausamkeit und Unmenschlichkeit, was nicht zu Mitgefühl, Ekel und Ablehnung führt. Es ist einfach nur krass.

Als Roxy Ramirez von Terror und Gewalt liest, lese ich auf seinem Gesicht Neugier, Interesse und Faszination, wie so etwas möglich sein kann. Heute, bei all den vermeintlichen Sicherheitsvorkehrungen, die ein mächtiger westlicher Staat zur Verfügung hat. Ich könnte ihm etwas von Algorithmen und Telekommunikationsüberwachung erzählen. Doch so weit geht das Interesse nicht. Er weiß, dass es so etwas gibt. Er weiß, dass es offenbar versagt hat. Er hat nicht den Hauch einer Ahnung, was dahinter steckt und er will es offenbar auch nicht wissen.

Er ist nicht auf der Suche nach Fakten und Hintergründen. Ihm genügt Sensation, Emotion und Meinung. Im besten Fall seine eigene Meinung. Schlimmstenfalls eine übernommene vorgefertigte Meinung. Meistens eine Mischung aus beidem. Mehr lässt die Zeit, aber vor allem die Faktenlage garnicht zu. Wobei Roxy Ramirez nicht sehr anfällig für Populismen oder politische Extreme ist. Er steht für sich selbst, das erwähnte ich bereits. Originell sollte es sein. Etwas besonderes: „Menschen, die so etwas tun, stehen erstens unter Drogen und zweitens vor dem Nichts.“ Wer sonst würde auf Grund jenseitiger Daseinshoffnungen aus diesem Leben scheiden? Für Überzeugungen zu sterben, ist für jemanden, dessen einzige Überzeugung es ist, dass er selbst an Position eins gesetzt ist, geradezu paradox.

Nichts. Für nichts lohnt es sich zu sterben. Vor diesem Nichts stehen diese Menschen. Gib ihnen etwas. Irgendetwas. Nimm ihnen das Nichts. Roxy Ramirez macht ein etwas überraschtes Gesicht, auf dem sich langsam ein geradezu weise-versonnenes Lächeln ausbreitet. Wie einfach es ist. Nur irgendetwas, um das Nichts zu beseitigen. Wirklich klug ist, wer Gedanken zu Lösungen ordnet, die tatsächlich umsetzbar sind. Irgendetwas, was könnte leichter sein? Ich sehe ihn an. Ohne Begeisterung oder Zustimmung zu verraten, auch keinen Widerspruch. Ich sehe ihn einfach an. Irgendetwas muss sich doch finden lassen.

#33

Seit längerer Zeit schickt mich die Firma, für die ich arbeite, in Regierungsgebäude. Ein großer Deal offenbar. Unzählige Büros, mit unzähligen Menschen, die ich alle nicht kenne. Dennoch werde ich jedem von Ihnen einen Besuch abstatten. Denn in ihren unzähligen Büros stehen unzählige Computer, die alle miteinander kommunizieren, die Computer wohlgemerkt. Bei den Menschen beschleichen mich Zweifel.

Nach meinem Besuch werden wir keine Freunde sein. Wir werden noch nichtmal unsere Namen kennen. Wir werden uns noch nicht einmal für die Namen des anderen interessieren.

Jedenfalls stelle ich sicher, dass die Computer kommunizieren und damit für die Menschen zu einem mächtigen Werkzeug werden, ebenfalls Kommunikation zu treiben, wenn es denn nötig sein sollte. Mit mir kommunizieren sie nicht. Viele verlassen sogar das Büro, wenn ich mich ankündige. Nicht selten mit einem Stöhnen oder mit verdrehten Augen. Als wäre ich ein notwendiges Übel.

Dass sie nicht den Hauch einer Ahnung haben, was ich in ihren Büros tue, stärkt ihre Position nicht gerade. Dass sie mir noch dazu ihr Büro gänzlich allein überlassen, grenzt an Ignoranz. Sie vertrauen einem völlig Fremden, dessen Namen sie nicht kennen, dessen Namen sie noch nicht einmal interessiert. Aber sie vertrauen ihm, dass er tut, was er soll, obwohl sie keine Ahnung davon haben, was es sein soll und was es in Wirklichkeit ist, was er da tut.

Mir können sie vertrauen, ich tue was ich tun soll. Ich werde ihnen nichts nehmen. Interessanterweise haben die Menschen eine unbändige Angst davor, dass ihnen etwas genommen werden könnte. Darauf haben sie ein Auge, auch wenn sie vorgeben, mich gleichgültig im Büro zurückzulassen, raffen sie vor Verlassen der Räume noch rasch Geldbeutel und Mobiltelefone an sich. Dabei mache ich einfach meinen Job. Alles wird danach einwandfrei funktionieren. Sie werden keinen Unterschied feststellen. Das ist es was sie sich wünschen. Möglichst kein Unterschied, angepasste reibungslose Abläufe und trotzdem immer neuer, besser und schneller. Das sollen sie haben. Und manche noch ein bisschen mehr, was sie sich, zugegebenermaßen nicht wünschen. Aber wer bekommt schon immer alles was er sich wünscht?

#32

Alles war still. Auf dem Bett lag eine zierliche Person. Dass es eine Frau war, war nicht auf den ersten Blick offensichtlich war. Sie lag auf dem Bauch, den Kopf abgewandt in Richtung Terrassentür. Sie war nicht sehr groß und hatte kurze schwarze Haare. Ein Pagenschnitt, zumindest war es das, was ich für einen Pagenschnitt hielt. Ob es einer war kann ich nicht sagen.

Ihr Rücken war unterhalb der Schultern mit einem weißen Laken bedeckt. Ihre Schultern und ihr Nacken waren frei. Die Arme lagen parallel zum Körper nach unten ausgestreckt. Kurz oberhalb der Hüfte endete das Laken, das den Rücken bedeckte. Ihr kleiner, runder, nackter Hintern lag offen da. Nun wurde offensichtlich, dass es sich um eine Frau handelte. Ihre schlanken Beine waren leicht gespreizt und lang ausgestreckt. Der Anblick ihres Hinterns machte mich kurz fassungslos. Seine Form und seine makellose Haut waren einfach perfekt, wie ich es kaum einmal auf meinen Streifzügen durch die virtuelle Welt gesehen hatte.

Es musste sich um eine sehr junge Frau handeln, maximal Anfang 20. Von meinem Standpunkt an der Tür aus konnte ich nicht mehr sehen, als diese perfekten, straffen, bleichen Rundungen, die mit einer am Übergang minimalen Falte in zwei Oberschenkel übergingen, sich mit einer feinen Wölbung über die Kniekehlen weiterzogen und über zwei perfekt modellierte Waden an zwei kleinen Füßen mit faltigen Fußsohlen und kleinen Zehen endeten.

Ich konnte tatsächlich nicht mehr sehen, ich konnte nichts anderes mehr sehen. Ich war unfähig meinen Blick abzuwenden, gleichwohl völlig schutzlos, ertappt zu werden. Ertappt, obgleich in meinem eigenen Haus. Ertappt, mir diesen Anblick zu nehmen, ungefragt, ungebeten an dieser kostbaren Darbietung teilzuhaben. Doch sie rührte sich nicht. In meiner regungslosen Starre überkam mich ein Schauer, vor Lust und Angst vor dem ertappt werde und vor Kälte. Es war kalt, viel zu kalt als nur spärlich bedeckt dazuliegen. Auf ihrer Haut waren keine Anzeichen von Gänsehaut. Reglos schön lag sie da, und einen Moment hatte ich das Gefühl, sie könne tot sein.

#31

Roxy Ramirez hat Recht. Die Kleine war der Wahnsinn, auch wenn ich mir eine solche Wortwahl nicht zueigen machen würde. Und wovon Roxy und seine stolze Eitelkeit wie von selbst ausgehen, habe ich bei ihrem Anblick einen riesen Steifen bekommen. Allerdings, und das wird Roxy und seine Eitelkeit etwas enttäuschen, diesmal nicht bei seinem brillianten Liebesspiel sondern allein bei ihrem Anblick. Denn Roxy war zu diesem Zeitpunkt nicht im Zimmer.

Die Tür stand auf. Es war Zimmer Nr. 1. Das Morgenlicht drang durch das Fenster, dessen Vorhänge nicht geschlossen waren. Alles in allem war eine gedämpfte Atmosphäre. Gedämpftes Licht, gedämpfte Luft und gedämpfter Duft. Es roch nach Mensch.

Zimmer Nr. 1 war im Gegensatz zu Zimmer Nr. 26 mit einem Doppelbett ausgestattet. Das Fenster ging auf einen Innenhof, der früher als Parkplatz und heute als Abstellfläche für allerhand ausrangierte Gerätschaften diente. Direkt vor dem Fenster befand sich eine kleine, mit grünem, mittlerweile löchrigen Kunstrasen ausgelegte Terasse, deren Möblierung mittlerweile stillschweigend auch zu ausrangierten Gegenständem im Hof geworden war.

Im Zimmer befand sich neben dem Doppelbett die gleiche Ausstattung wie in Zimmer Nr. 26. Nur die Farbgebung im Erdgeschoss war nicht grün sondern blau.

#30

Ich führe ein unscheinbares Leben. Von außen mag es fast langweilig erscheinen. Und auch die Innensicht gibt nicht viel mehr her. Jedenfalls bewege ich mich kontiunierlich auf immer gleichen Bahnen und wie das so ist, trifft man auf diesen Bahnen auch immer auf dieselben Menschen. Überraschungen und Verrücktheiten hat man nicht zu befürchten.

Auf meiner täglichen Runde zur Grundbedürfnisbefriedigung – Geld verdienen und Nahrungsbeschaffung – treffe ich seit einiger Zeit einen Menschen. Genauer gesagt ist es ein Mann. Ein noch nicht alter aber auch nicht mehr junger Mann. Er wird um die vierzig sein. Er sitzt jeden Morgen an derselben Stelle, zur selben Zeit. Er scheint auf irgend etwas zu warten. Möglicherweise ist er verabredet. Es verrät ihn dabei aber keine Aufregung oder Vorfreude. Er sitzt einfach nur da, unter einer Brücke, auf einem ob der morgendlichen Frühe noch angeketteten Stuhl, der zum Außenbereich eines Restaurants gehört. Er hat sich da nicht unbedingt ein schönes Plätzchen gesucht. Aber er scheint vollkommen ruhig und zufrieden zu sein.

Falls er wartet, tut er das mit einer ausgesprochenen Gelassenheit und Hingabe, die mir bisweilen abgeht, vor allem beim warten. In mir paart sich beinahe pedantische Pünktlichkeit mit Ungeduld, was bisweilen zu beinahe physischen Beschwerden angesichts des Wartens oder einer unvorhergesehenen Verzögerung führt.

Nicht so bei unserem sanften Riesen. Ich nenne ihn den sanften Riesen, weil er, obgleich von kräftiger Statur, mit seinem jugendlichen Mittelscheitel und einem derart gutmütigen Gesichtsausdruck, der nur schwer die Balance zwischen Gelassenheit, Zufriedenheit, Gleichgültigkeit und Einfältigkeit halten kann, wie ein sanfter Riese aussieht. Ein grundgutmütiger, etwas unbeholfener, tapsiger, grober und doch zärtlich sanfter Riese, der mit seinen riesenhaften Händen kleinen, aus dem Nest gefallenen Vögeln zurück in die Wärme an der mütterlichen Brust hilft.

Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass er ganz dem jugendlichen Charme folgend eine Jeansjacke, bei wärmerer Witterung auch gerne eine Jeansweste trägt. Darunter Blitzen dann allerdings Tatoos hervor, die in ihrer Ästhetik an einsame Tage auf See oder Nächte im Gefängnis erinnern. So jedenfalls in meiner Fantasie, die dadurch fasziniert angeregt wird.

Was genau dieser Mensch ist oder macht, das weiß ich nicht. Er sitzt jeden Morgen einfach nur da. Zufällig zur selben Zeit, zu der ich auch dort vorbeikomme. Sei es sein Glück oder Pech, dass ich seine äußere Erscheinung zum Anlass nehme, um mir über ihn Gedanken zu machen und ihn zu meinem sanften Riesen mache. So komme ich ihm nahe, glaube ihn zu kennen und würde im Falle eines unvorhergesehenen Unglücks oder Verbrechens seine Hilfsbereitschaft und Freundschaft voraussetzen. Ein völlig fremder Freund, den ich jeden Morgen sehe.

#29

Bewaffnet mit einem Küchenmesser stehe ich also hinter Roxy Ramirez. Er ist nackt, am pissen und dreht mir mitsamt meinem Küchenmesser den Rücken zu, während er mit Inbrunst versucht, die Kloschüssel in ihrer gesamten Ausdehnung zu benetzen. Er muss sich sicher sein, sehr sicher sogar.

Ich wusste nicht, dass hier noch mehr Gäste eingecheckt haben, grinst er mir über die Schulter zu, offenbar unbeeindruckt von meiner Person und meinem Küchenmesser. Eindruck hinterlässt dagegen seine Person auf mich. Er ist wohl proportioniert. Genau das ist er. Ich habe lange nachgedacht ob er groß ist, oder stark, oder muskulös. Das alles ist er, aber in erster Linie ist er wohl proportioniert. Es passt. Makellose Schale. Ein schöner Mann. Schön anzusehen.

Runde, geschwungene Waden, kräftig parallele Sehnen, die seine Kniekehlen seitlich einfassen, kräftige, majestätische Oberschenkel. Er hat einen kleinen, aber knackigen Hintern, klein wegen männlicher schmaler Hüften, knackig weil leicht angespannt, so dass links und rechts seitlich an den Pobacken runde Vertiefungen deutlich werden, die seinem Hintern eine großartige Form geben. Sein Rücken ist lang und von einer modellhaften Trapezform, von der schmalen Hüfte zu unglaublich breiten Schultern verlaufend. Die Wirbelsäule bsolut gerade durch kleine Erhebungen unter der Haut erkennbar. Am unteren Rippenansatz sind diese leicht zu erkennen, darüber spannen sich aber in kleinen Wellen Muskelbahnen, die nach oben immer kräftiger werden. Sie umschließen die breiten Schultern, die dennoch das darunterliegende Schulterblatt und die obenauf liegenden Ansätze der Schlüsselbeine erkennenlassen.

Dies alles ist in Bewegung, fast im Fluss, während Roxy Ramirez seine Pisspirouetten ausführt. Ein harmonisches Zusammenspiel von Muskeln und Knochen, überspannt von einer braunen, samtglänzenden Haut. Ein Glanz, wie er bei junger, frischer Haut zu beobachten ist. Ein Geschenk der Jugend, dessen Verlust die Menschen mit so viel Einsatz entgegenzuwirken suchen und langsam im Erkennen der Unmöglichkeit nicht nur jenen Glanz der Haut verlieren.

Die Arme sind ebenso kraftvoll geformt. Deutliche Wellen auf den Oberarmen, ein lang geschwungener Unterarm, der von einer muskulösen Rundung unterhalb des Ellenbogens in schlanke aber breite Handgelenke ausläuft. Die perfekte Aufhängung für große Hände mit gleichmäßig geformten nicht zu langen Fingern, die einen Eindruck von Wärme und Stärke ausstrahlen.

Man wünscht sich, diesen Händedruck zu spüren und fürchtet gleichzeitig, zerdrückt zu werden. Dabei stellt sich doch nur ein einzigartig geborgenes Gefühl ein, kräftig umfasst und doch behütet, so als würden diese großen starken Hände behutsam einen kleinen Vogel umfassen, um ihn aus einer Falle zu befreien und ihm danach beherzt die Freiheit zu schenken.

Über den Hals fielen seine knapp schulterlangen, dunklen Haare, die immer diesen leicht feuchten, sportlich glänzenden Eindruck vermitteln. Ansonsten fällt auf, dass sein Körper gänzlich unbehaart ist. Welch zeitraubende, alltägliche Prozedur, den Körper von vermeintlich unhygienisch wuchernden Haaren zu säubern.

Roxy Ramirez ist es das Wert. Es ist keine lästige, tägliche Tortur, als die ich alleine schon die morgendliche Rasur mit stets zu stumpfen Einwegrasierklingen empfinde. Für Roxy Ramirez gehört das dazu, es ist Teil seiner Person. Es perfektioniert ihn, es macht ihn erst zu Roxy Ramirez. Ein perfekter, makelloser Köper. Getrimmt, gebuildet, epiliert, gecremt, gepflegt. Die perfekte Hülle für seinen Auftritt, die Voraussetzung für sein Schauspiel, die Grundlage seines verzaubernden Charmes.